Unter dem Titel „The Iran War According to Donald Trump“ („Der Irankrieg, wie ihn Donald Trump sieht“) publizierte die New York Times einen Artikel 1, dessen Inhalt schon anhand seiner Überschrift selbsterklärend ist. Die jüngsten Widersprüche und Richtungswechsel des Präsidenten sind chronologisch in Zitaten nachzulesen.
Aber wie es so weit gekommen und wo stehen wir jetzt?
2018 hat Donald Trump das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt. Es sei der „schlechteste Deal aller Zeiten“ und die Aufkündigung „werde die USA sicherer machen“ 2.
Ein Sprung ins Jahr 2025: die Vereinigten Staaten bombardieren den Iran und Donald Trump erklärt, dass „alle Atomanlagen komplett zerstört“ worden wären 3. Ziel des Angriffs war es, das Nuklearprogramm zu vernichten, inklusive der Fähigkeit, Nuklearwaffen herzustellen.
Ein Jahr später, 2026, erklärte dann der US-Außenminister Marco Rubio, dass die USA Kenntnis von bevorstehenden Militärschlägen Israels auf den Iran hatten. Die USA mussten sich gleichsam anschließen, da sie dann zu erwartende Angriffe des Iran auf ihre Truppen nicht erst abwehren, sondern schon vorab unterbinden wollten 4. Trump rechtfertigte den Schlag gegen den Iran mit der unmittelbaren Bedrohung, die vom Iran für die USA ausgehen würde. Die Rechtfertigung zu den Militärschlägen 2026 war aber eine Bedrohung, die es gemäß seiner eigenen Erklärungen zu den Militärschlägen von 2025 gar nicht mehr geben sollte. So oder so bleibt ein Widerspruch bestehen: Entweder wurden die Erfolge der Militärschläge 2025 überzeichnet, oder die Bedrohungslage 2026 überhöht dargestellt – oder beides.
Jedenfalls wollte Benjamin Netanjahu gegen den Iran losziehen. Trump, um eine starke Position bemüht, verkaufte es als seine Initiative 5, und ließ, noch in einer Art eines venezulanischen Hochgefühls, zuschlagen.
Und der Iran tat, was Militäranalytiker immer als Option vorgezeichnet hatten: er sperrte die Straße von Hormus.
Jetzt könnte die Frage gestellt werden: kann der Iran oder die USA (die aus der Not eine Tugend machen möchten und ihrerseits iranische Tanker an der Passage hindern) realistischerweise tatsächlich alle Schiffe, die die Straße von Hormus passieren, aufhalten? Wohl nein – aber wohl ebenso nein will irgendein Reeder genau der sein, der seine Crew oder sein Schiff verliert. Ein lehrbuchmäßiger Effekt: statistisch gesehen könnte man die Straße schon passieren, aber trotzdem geschieht es nicht, denn es könnte jeden Einzelnen sehr wohl treffen.
In zahlreichen Situationen setzt Trump darauf, Maximalforderungen aufzustellen und zu drohen. Das funktionierte in der Tat auch. Meistens.
Aber in dem Fall plötzlich nicht mehr.
Zölle? Irrelevant im Falle des Iran, da es kaum Handel mit den USA gibt. Selbst Sekundärzölle für Länder, die den Iran unterstützen, scheinen wenig zu bewirken. Selbst die Androhung der totalen Auslöschung a là „eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben und nie wieder zurückkehren“ (was im geäußerten Umfang in seinen Auswirkungen gegen die Zivilbevölkerung klar ein Kriegsverbrechen wäre) hat selbst die Aktienmärkte nur mehr mäßig beeindruckt, da die TACO Trades langsam zur Gewohnheit wurden. TACO steht für „Trump Always Chickens Out“ („Trump steckt immer zurück“), womit gemeint ist, er macht drastische Drohungen, ohne dass dann entsprechende Aktionen folgen 6.
Das iranische Regime hingegen, bereit in Bunkern zu leben und vermutlich ebenso bereit, jederzeit zu sterben, möchte nicht nachgeben. Und die Treibstoffpreise in den USA liegen derzeit bei über 3 US-Dollar pro Gallone, mehr als 40% über dem Preis am Ende des letzten Jahres 7. Der Beschwichtigungsversuch, was kümmert uns die Straße von Hormus, denn Amerika ist ja Öl-autonom, will auch nicht funktionieren, denn die Preise werden am Weltmarkt bestimmt, und die amerikanischen Ölkonzerne nehmen diese Preise auch gerne für in den USA gefördertes Öl. Unter Trumps Ruf „Drill, Baby, drill!“ verstanden er und die Ölkonzerne ohnedies Unterschiedliches: Trump meinte sinkende Preise, die Ölkonzerne hingegen die Erschließung neuer Reserven bei sinkenden Umweltschutzauflagen. Und egal, wie oft Trump sagt, die Ölpreise werden in aller Kürze wie ein Stein fallen: dazu ist zuvor die Lösung der Situation im Iran nötig. Und diese ist nicht in Sicht. Wie sehr Trump mittlerweile mit dem Rücken zur Wand steht, zeigen die gegenseitigen Beschüsse der Iranischen Revolutionsgarden und der amerikanischen Seestreitkräfte, die Trump und seine Regierung nur als Scharmützel abtut und toleriert. Von Trumps einst verkündeter Position der Stärke, „They are ‘begging’ us to make a deal …“ 8 („Sie flehen uns an, einen Deal zu machen“) ist weit und breit nichts zu sehen. Es gab Zeiten, da hat Trump dem norwegischen Regierungschef gedroht, weil er nicht den Nobelpreis bekommen hat. Und hier verursacht selbst militärische Gewalt gegen die USA keine schlechte Stimmung. Warum? Es stehen Wahlen an, und die Treibstoffpreise sind ein Indikator für die Wählerzufriedenheit, und hohe Preise sind kein guter Indikator.
Ja natürlich, es hätte wie in Venezuela laufen können.
Aber nein, bei richtiger Beurteilung der Lage war das nicht zu erwarten.
Das Regime in Teheran zu eliminieren, das tausende, wenn nicht zig- oder sogar hunderttausende Menschen hingerichtet hat, wäre in Anbetracht seiner Greueltaten genau deswegen vertretbar, auch wenn dies ohne UN-Mandat einen Bruch des Völkerrechts darstellen würde. Aber das hat Donald Trump im letzten Jahr ohnedies nicht erreicht: das Regime existiert weiter, die Straße von Hormus ist nach Jahrzehnten erstmals wieder unpassierbar, die Repressalien gegen die Bevölkerung haben nicht geendet, der Ölpreis ist massiv gestiegen und China konnte das militärische Vorgehen der amerikanischen Streitkräfte am lebenden Objekt studieren und daraus lernen. Das amerikanische Waffenarsenal ist ausgedünnt 9, die Kosten des Manövers belaufen sich für die USA bislang auf knapp 30 Milliarden US-Dollar, und ob wirklich alle Nuklearfähigkeiten des Iran zerstört sind, darf bezweifelt werden.
Am Ende der Beurteilung der Situation ist es schwer, eine Erkenntnis nicht zu haben: der größte Feind von Donald Trump ist Donald Trumps Ego.
Fußnoten:
- https://www.nytimes.com/interactive/2026/05/20/us/politics/trump-iran-war-deal.html ↩︎
- https://en.wikipedia.org/wiki/United_States_withdrawal_from_the_Iran_nuclear_deal und https://www.tagesschau.de/ausland/iran-deal-usa-101.html ↩︎
- https://en.wikipedia.org/wiki/2025%E2%80%932026_Iran%E2%80%93United_States_negotiations und https://www.tagesschau.de/ausland/asien/usa-angriff-iran-atomanlagen-100.html ↩︎
- https://www.theguardian.com/us-news/2026/mar/02/rubio-us-attack-israel-iran ↩︎
- https://orf.at/stories/3422280/ ↩︎
- https://www.ft.com/content/e81ae481-fbb6-47e7-bd6b-c7d76ca5ab69 und https://edition.cnn.com/2025/05/28/economy/trump-wall-street-taco-trade-nastiest-question ↩︎
- https://www.eia.gov/dnav/pet/hist/LeafHandler.ashx?n=PET&s=EMM_EPM0_PTE_NUS_DPG&f=W ↩︎
- https://truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/116295045718240014 ↩︎
- https://www.csis.org/analysis/last-rounds-status-key-munitions-iran-war-ceasefire ↩︎



